Mythos oder Wahrheit? Über den Kopf verliert man die meiste Wärme?

Mythos oder Wahrheit?: Über den Kopf verliert man die meiste Wärme

Wir kennen es als ultimatives Argument besorgter Eltern und Großeltern: Wer bei Winterkälte keine Mütze aufsetzt, verliert 40 bis 45 % seiner Körperwärme über die Kopfhaut. Ob diese Prozentzahl wirklich stimmt, und wie man eigentlich darauf gekommen ist, klären wir in unserer neuen Folge aus der Reihe „Mythos oder Wahrheit“.

Woher stammen die ominösen 40 bis 45 %, die man angeblich an Wärme verliert?

Die Studie, die diesbezüglich bis heute immer wieder zitiert wird, stammt aus den Siebzigern. Es handelte sich dabei um ein Militär-Experiment, bei dem Probanden in Arktis-Überlebensanzügen der Kälte ausgesetzt wurden. Der Haken: Diese Anzüge schützen den Kopf nur wenig, der Körper war jedoch isoliert. Wohin sollte die Wärme also sonst entweichen, wenn nicht über den Kopf?

Es gibt also Gründe, die Glaubhaftigkeit der Studie anzuzweifeln. Experten in einem Artikel des „British Medical Journal“ verdeutlichen das Ganze: Wäre das Experiment in Badehosen durchgeführt worden, hätte der Kopf auch nur zehn Prozent der Körperwärme abgegeben. So lautet nämlich die Zahl, die heutzutage angegeben wird, wenn es um den Wärmeverlust über den Kopf geht. Sieben bis zehn Prozent, das entspricht auch der Oberfläche des Kopfes in Relation zum restlichen Körper.

Genauer gesagt heißt das: Über den Kopf geht nicht ein Großteil der Körperwärme verloren, denn dazu ist die Fläche schlichtweg zu klein. Bei Säuglingen und Kleinkindern trifft es eher zu. Kopf, Gesicht und Brust sind jedoch sehr temperaturempfindliche Bereiche mit vielen Nervenenden und Mütze, Kapuze und Co. suggerieren uns, dass sie uns in hohem Maße wärmen und schützen.

Wird man ohne eine Mütze auf dem Kopf schneller krank?

Hierzu müsste man eigentlich „Jein“ sagen. Nein, weil es zwar „Erkältung“ heißt, man aber nicht von der Kälte direkt krank wird. Erkältungskrankheiten werden durch Viren verursacht, und an die Viren gelangen wir mittels Tröpfcheninfektion. Türklinken, Einkaufswagen, Treppengeländer und öffentliche Verkehrsmittel sind oft wahre Tummelplätze für Viren.

Ja, weil die Kälte unser Immunsystem schwächt und uns anfällig für das Eindringen ebendieser Viren macht (gereizte Schleimhäute durch Heizungsluft übrigens auch, wie Sie in unserem Blogartikel nachlesen können).

Deswegen schadet es keinesfalls, wenn wir den gut gemeinten Rat befolgen und uns bei Minusgraden von Kopf bis Fuß warm einpacken. Übrigens: Dass uns der Glühwein am Weihnachtsmarkt aufwärmt, ist ein Trugschluss, auch wenn es sich anfangs so anfühlt. Der Alkohol führt jedoch zu einer Gefäßerweiterung und in der Folge zu einer erhöhten Wärmeabgabe des gesamten Körpers, was erst recht in einer Absenkung der Körpertemperatur resultiert.

Wie zieht man sich am besten bei Kälte an?

Nicht nur der Kopf ist eine wichtige Körperpartie, die warm gehalten werden soll. Selbiges gilt auch für Finger und Zehen. Warme Handschuhe, dicke Socken und rutschfestes Schuhwerk sind also ein Muss.

Am besten bei Minusgraden eignet sich der Zwiebellook, damit man sich beim Eintreten in warme Räume Schicht für Schicht der Kleidung entledigen kann. Da dies bei Strumpfhosen z.B. umständlich ist, eignen sich hier auch gestrickte Stulpen über der Hose. Achten Sie auf Stoffe, die atmungsaktiv sind, wenn Sie mal ins Schwitzen geraten ohne die Möglichkeit, sich umzuziehen. Wenn Sie sportlich aktiv sind, sollten Sie in Funktionswäsche und atmungsaktive Fleecestoffe investieren.

Babys im Kinderwagen müssen ebenfalls gut vor der Kälte geschützt und, damit die empfindliche Gesichtshaut und die Nasenspitze geschützt bleiben, unbedingt mit Kältecreme eingecremt werden.

Es ist also ein Mythos, dass wir eine Mütze aufsetzen müssen, da über den Kopf die meiste Wärme abgegeben wird. Tatsache ist jedoch, wenn der restliche Körper warm eingepackt ist, sollten wir dennoch eine Kopfbedeckung tragen, da es uns sonst wie den Probanden in der Arktis geht und die Wärme keinen anderen Weg als den Kopf zum Entweichen findet. Außerdem sorgen warme Ohren bei kaltem Winterwind für Wohlbefinden und wir bekommen weniger leicht eine Erkältungskrankheit.