medikamentensucht

Medikamentensucht – Wenn Tabletten nicht mehr helfen

Es ist wieder einmal viel zu viel los: Das Auto ist kaputt, der Berg an Arbeit wird nicht kleiner und das Meeting am Nachmittag lässt sich nicht verschieben. Und dann diese verflixten Kopfschmerzen. „Da hilft nur eine Schmerztablette“, denkt man sich.

Eine seltene Rettung oder doch ein regelmäßiger Griff? Schätzungen zufolge sind in Deutschland knapp zwei Millionen Menschen medikamentensüchtig. Die Dunkelziffer dürfte laut Experten sogar höher liegen. Medikamentensucht ist keine Frage des Geldbeutels oder der sozialen Zugehörigkeit.

Was ist eine Medikamentensucht?

Als Medikamentensucht versteht man das schwer beherrschbare Verlangen nach Medikamenten, welche die Psyche beeinflussen. Sie kann durch eine zu hohe Dosierung oder eine zu lange Einnahme entstehen und bei Verringerung der Dosis oder bei Absetzung des Medikaments zu körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen führen. Die Entzugserscheinungen können in Abhängigkeit vom Wirkstoff nach Tagen oder erst nach Wochen auftreten.

Worin unterscheidet sich eine Sucht von einem Missbrauch?

Zunächst einmal sollte man wissen, dass ein Verlangen nach Medikamenten im eigentlich medizinischen Sinne nicht gleich eine Medikamentensucht bedeuten muss. Zwar können Medikamente rein körperliche Süchte hervorrufen (der Körper gewöhnt sich an die Einnahme und verlangt Nachschub, z. B. bei Nasensprays, Abführmittel, Wachstums- oder Sexualhormone), jedoch muss das Medikament per definitionem einen Einfluss auf die Psyche haben, damit von einer Medikamentensucht gesprochen werden kann.

Bei einem Medikamentenmissbrauch liegt keine generelle Abhängigkeit vor, gleichwohl sie der erste Schritt zu einer Sucht bedeuten kann. Ein Missbrauch zeichnet sich vordergründig dadurch aus, dass Medikamente zum einen länger oder höher dosiert eingenommen werden als verordnet, zum anderen dadurch, dass eine Einnahme trotz fehlender medizinischer Notwendigkeit oder Nutzen oftmals selbst verordnet wird.

Wie entsteht eine Medikamentensucht?

Der Weg in die Medikamentensucht kann sich schleichend vollziehen und durch nachlässige Ärzte, missbräuchliche Verwendung oder zu lange Verabreichung hervorgerufen werden. Gerade ältere Menschen sind anfällig, weil bei ihnen häufig keine klaren Krankheitsbilder vorliegen. Anstatt der eigentlichen Ursachen werden die Symptome behandelt.

Doch auch Patienten gehen leichtfertig mit Medikamenten um. So erhöhen sie eigenmächtig die Dosis, weil sie keinerlei Wirkung spüren oder die Behandlung beschleunigen wollen. Es kommt zu einer sogenannten Hochdosisabhängigkeit. Dem gegenüber steht die Niedrigdosisabhängigkeit, bei der Patienten kleinere Dosen zu sich nehmen und die Höchstdosis nicht überschreiten.

Zudem können unterschiedliche Faktoren eine Medikamentensucht beschleunigen. Zum Beispiel:

  • persönliche und soziale Einflüsse,
  • gesellschaftliche Akzeptanz von Medikamenten,
  • Leistungs- und Konkurrenzdruck,
  • Experimentierfreude in jüngeren Jahren,
  • Drang nach Rauschzuständen.

Neben älteren Patienten gelten Frauen als besonders anfällig für eine Medikamentensucht. Während Männer bei Problemen und Stress tendenziell eher zur Flasche greifen, greifen Frauen auf Schmerz- und Beruhigungsmittel zurück – auch vorbeugend, etwa bei der Menstruation. Darüber hinaus suchen sie bei Beschwerden eher einen Arzt auf als Männer.

Als besonders häufige Mittel für eine Medikamentensucht gelten folgende Gruppen, da sie eine sowohl körperliche als auch psychische Abhängigkeit verursachen können:

  • Schlaf- und Beruhigungsmittel
  • Anregungsmittel
  • Appetitzügler
  • Schmerz- und Betäubungsmittel

Welche Symptome weisen auf eine Medikamentensucht hin?

Bei einer Medikamentensucht können abhängig vom Medikament eine Vielzahl an körperlichen wie psychischen Symptomen auftreten. Sie äußern sich bereits während der Einnahme oder als Entzugserscheinung. Körperlich drücken sie sich z. B. durch Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen, Zittern oder Übelkeit aus, psychisch durch ein starkes Verlangen nach dem Medikament, Unruhe, Reizbarkeit, Depressionen oder sogar eine Neigung zum Suizid.

Durch die teils hohe und längere Einnahme kann es zu einer Toleranzbildung kommen. Dabei muss auf eine immer höhere Dosis des Medikaments zurückgegriffen werden, weil ansonsten keine Wirkung mehr wahrgenommen wird. Ebenso ist eine Wirkungsumkehr möglich, bei der Beruhigungsmittel bspw. Beruhigungsmittel nicht mehr beruhigend, sondern euphorisierend wirken.

Welche Folgen können bei einer Medikamentensucht auftreten?

Die Folgen einer Medikamentensucht können weitreichend und schwerwiegend, teils sogar irreparabel sein. Hierzu zählen u.a.:

  • Persönlichkeitsveränderung,
  • Depressionen,
  • Leistungsabfälle, Gleichgültigkeit, Verwahrlosung,
  • gesteigertes Selbstmordrisiko,
  • erhöhte Unfall- und Sturzgefahr,
  • schwere Organschäden,
  • Probleme im Berufsleben, mit der Familie und sozialen Bindungen.

Obendrein besteht die Gefahr einer Kreuztoleranz. Dazu kann es kommen, wenn mehrere Suchtmittel parallel eingenommen werden. Beispielsweise benötigen Alkoholkranke eine höhere Dosis von Schmerzmitteln, da sie bei normaler Dosierung keine Wirkung mehr verspüren.

Wie wird eine Medikamentensucht festgestellt?

Die Diagnose einer Medikamentensucht gestaltet sich häufig als kompliziert. Oftmals werden auftretende Symptome wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen nicht mit einer Medikamentensucht in Verbindung gebracht. Bei der Feststellung orientieren Ärzte sich an einem Kriterienkatalog. Treffen unter Berücksichtigung von erheblichen Einschränkungen und Leiden durch die Medikamenteneinnahme mindestens drei dieser Kategorien auf den Patienten zu, liegt eine offensichtliche Medikamentensucht vor. Zu den Kriterien zählen:

  • Toleranzentwicklung,
  • Entzugssymptome,
  • hoher Beschaffungszeitaufwand,
  • bewusste Einnahme trotz negativer Auswirkungen,
  • Einschränkungen im Alltag oder Folgen für das generelle Leben,
  • vergebliche Versuche oder der anhaltende Wunsch, die Einnahme zu kotrollieren,
  • häufige Einnahme über einen längeren Zeitraum oder höhere Dosen.

Wie wird eine Medikamentensucht behandelt?

Je früher eine Medikamentensucht erkannt und die Behandlung aufgenommen wird, desto kürzer und erfolgreicher kann sie verlaufen. Eine Behandlung findet entweder unter therapeutischer oder ärztlicher Anleitung statt. Dabei wird schrittweise die Dosis reduziert. Bedingt durch die Schwere der Sucht und der Entzugserscheinungen muss eventuell ein stationärer oder teilstationärer Entzug in einer Tagesklinik erfolgen.

Begleitend zum Entzug sollte eine psychische Behandlung erwogen werden, da bei einer Medikamentensucht häufig psychische Probleme wie Angststörungen oder Depressionen vorliegen. Zudem muss der Patient nach einem Entzug lernen, bei Stress und Problemen keinen Rückfall zu erleiden und wieder auf Medikamente zurückzugreifen.

Test: Ist man selbst oder ein Angehöriger gefährdet?

Die Hinweise auf eine Medikamentensucht sind nicht immer offensichtlich und liegen oft im Detail. Um herauszufinden, ob man selbst bzw. ein Angehöriger oder Bekannter davon betroffen sein könnte, können folgende Fragen Aufschluss darüber geben.

Fragen für mögliche Betroffene

  • Nehmen Sie heimlich Medikamente ein?
  • Horten Sie Medikamente und verstecken Sie diese an ungewöhnlichen Orten?
  • Füllen Sie zur Ablenkung Medikamente in unauffällige Verpackungen wie Nahrungsergänzungsmittel um?
  • Überkommt Sie bei der Einnahme ein schlechtes Gewissen?
  • Verspüren Sie Unruhe, wenn Sie ein Medikament nicht einnehmen können oder nicht vorrätig haben?
  • Reden Sie Ihren Medikamentenkonsum klein oder täuschen bzw. belügen Sie Menschen über das tatsächliche Ausmaß?
  • Beziehen Sie Rezepte von unterschiedlichen Ärzten oder kaufen Sie Medikamente in unterschiedlichen Apotheken, um Ihren hohen Bedarf zu verschleiern?
  • Erfinden Sie Ausreden, um Medikamente ungestört einnehmen oder beschaffen zu können?
  • Fühlen Sie sich besser, sicherer oder entspannter, wenn Sie Medikamente einnehmen?
  • Fällt es Ihnen schwerer, den Alltag ohne Medikamente zu meistern oder kommen Sie ohne nicht in Schwung bzw. zur Ruhe?

Fragen für Angehörige und Freunde möglicher Betroffene

  • Beobachten Sie bei einer Person in Ihrem Umfeld eine regelmäßige Einnahme von Medikamenten, ohne dass ein ersichtlicher Grund vorliegt?
  • Nutzt die Person immer andere Vorwände für die Einnahme?
  • Haben Sie das Gefühl, dass die Person ohne Medikamente nicht funktioniert, Probleme im Job hat oder nicht zur Ruhe kommt?
  • Haben Sie Medikamente an ungewöhnlichen Orten gefunden oder wirken sie gar wie Verstecke?
  • Kommt es bei der Person zu Unruhe oder Aggression, wenn Medikamente nicht eingenommen werden können oder nicht unmittelbar verfügbar sind?
  • Ist der Effekt genau gegenteilig vom Wirkstoff, sodass die Person etwa bei Schlafmitteln hellwach und nicht müde wird?
  • Überschreitet die Person regelmäßig oder schon bei einer einzelnen Einnahme die Höchstdosis?