Spielsucht: Wenn nichts mehr geht

„Mein Haus, mein Auto, mein Leben – verzockt und ruiniert!“ – so könnte das Resümee eines Spielsüchtigen lauten. Je nach Studie gelten zwischen 180.000 und bis zu 400.000 Personen in Deutschland als spielsüchtig, bis zu 350.000 als gefährdet. Experten mutmaßen, dass noch weitaus mehr Menschen von einer Spielsucht betroffen sein könnten. Die Aussicht, mit einem relativ kleinen Einsatz und etwas Glück ausgesorgt zu haben, ist für viele verlockend und weitaus größer als die Vernunft. Denn was sind schon fünf oder zehn Euro, denken sie sich, wenn ein paar Millionen Euro winken und man nie wieder arbeiten muss!

Der Übergang von unproblematisch zu süchtig ist fließend

Das Glücksspielangebot ist riesig. Es gibt kaum noch einen Werbeblock im Fernsehen, der ohne Sportwetten- oder Lotterieanbieter auskommt. Im Internet, speziell in sozialen Medien, herrscht eine regelrechte Goldgräberstimmung. Steigende oder fallende Kryptowährungen wie der Bitcoin locken mit lukrativen Tagesrenditen, Online-Casinos werben mit Freispielen und Pokerseiten verdreifachen die Ersteinzahlung teilweise auf bis zu 2.000 Euro. Und dann sind da die vielen bunten Automaten in Bars, Kneipen und Schnellrestaurants, die dazu verleiten, im Vorbeigehen „nur“ ein paar Euro einzuwerfen. Der Übergang von einem unproblematischen Spielen zu einer Sucht verläuft jedoch häufig fließend. Ähnlich einer Computerspielsucht und dem dazugehörigen Spielverhalten ist Glücksspielsucht keine Frage der gesellschaftlichen Zugehörigkeit oder des Geldbeutels, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) feststellt. Die existenzbedrohenden und zerstörerischen Folgen können im Grunde jeden treffen. Dennoch gelten gerade junge Männer (zwischen 18 und 30 Jahren) aus einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen als besonders anfällig. Das belegen Zahlen der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG).

Zwanghaftes Spielen ist eine Suchterkrankung

Im medizinisch-psychologischen Sprachgebrauch hat sich der Terminus „pathologisches Spielen“ (alternativ auch „zwanghaftes Spielen“) durchgesetzt, wenn von einer Spielsucht beziehungsweise Glücksspielsucht die Rede ist. Beim pathologischen Spielen handelt es sich um eine krankhafte Verhaltenssucht, die mit der von Drogen oder Alkohol gleichzusetzen ist. Durch ihr Spielverhalten sind Süchtige nicht mehr in der Lage, sich dem Glücksspiel zu entziehen, gleichwohl weitreichende Folgen drohen oder sogar schon bestehen. Anders als bei professionellen Spielern, die ihre Einsätze im Blick haben, fehlt Süchtigen jede Distanz, weshalb sie in der Regel ihre Spielsucht auch ohne professionelle Hilfe nicht bewältigen können.

Es gibt nicht „den einen“ Grund für eine Spielsucht

Forschung und Wissenschaft gehen davon aus, dass mehrere Faktoren und nicht nur ein bestimmter Faktor eine Spielsucht verursachen. Sie stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander und verstärken ihren Einfluss daher gegenseitig.

  • Psychosoziale Faktoren: Die Gründe sind vielschichtig gelagert. Ein geringes Selbstwertgefühl, eine gestörte Beziehung zu den Eltern oder Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen sind einer Spielsucht dienlich. Durch das Spielen steigern Spieler ihr Selbstbewusstsein und kompensieren Probleme und Erfahrungen, was sich letztlich im Glücksspielverhalten niederschlägt.
  • Biologische Faktoren: Glücksspiel aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und schüttet das Glückshormon Dopamin aus. Allerdings gewöhnt sich der Körper an die erhöhte Ausschüttung und verlangt nach mehr. Um dieses Belohnungsgefühl wieder zu erfahren, muss der Spieler die Spielzeit verlängern oder die Einsätze erhöhen. Ebenso begünstigen genetische Voraussetzungen eine Affinität zum Glücksspiel, diese sind aber nicht hauptverantwortlich.
  • Ausprägungen des Glücksspiels: Der hervorgerufene Nervenkitzel, eine schnelle Spielabfolge, das Layout des Spiels oder der Eindruck, fast gewonnen zu haben, begünstigen eine Abhängigkeit und weisen ein ähnliches Suchtpotenzial auf, wie es etwa bei einer Alkoholsucht

Selbstüberschätzung und Selbstzweifel

Abhängige Spieler sind einer Illusion erlegen. Sie versuchen Verluste mit weiteren, oft auch höheren Einsätzen und damit verbunden höheren Gewinnaussichten zu kompensieren. Das Spiel selbst stellen sie nicht infrage, sodass es zu einem sogenannten „magischen Denken“ kommt. Sie denken, sie können das Spiel steuern und würden immer nur sehr knapp verlieren. Nicht der Zufall, sondern das eigene Handeln würde einen Gewinn verhindern. Aber beim nächsten Mal würde es ganz bestimmt klappen. Niederlagen führen sie wiederum auf ihr Glücksspielverhalten zurück: eine falsche Denkweise, Konzentrationsfehler, aufgebrauchte Glücksbringer oder das Nichteinhalten von Ritualen. Dabei sind Glückspiele so konzipiert, dass langfristig der Anbieter gewinnt und nicht der Spieler.

Eine Spielsucht kommt schnell und bleibt erst einmal

Es vergehen oft Jahre, ehe ein Spieler seine Sucht erkennt. Und es dauert noch länger, ehe ein Spielsüchtiger professionelle Hilfe annimmt. Die sogenannte Spielerkarriere unterteilt sich zumeist in drei Phasen:

Gewinnphase

Die Gewinnphase ist dadurch definiert, dass der Spieler erste positive Erfahrungen sammelt und Gewinne auf sein Können und nicht auf das Glück oder den Zufall zurückführt. Neben den Einsätzen steigen auch die Risikobereitschaft sowie die Regelmäßigkeit des Spielens. Es ist eine Möglichkeit, dem stressigen oder eintönigen Alltag zu entfliehen. Durch Kontakt zu anderen Spielern entsteht eine Art Gemeinschaftsgefühl und Vertrauen, die einige in ihrem Leben vermissen. Zudem steigern Gewinne das Selbstbewusstsein.

Verlustphase

Das Glücksspiel dominiert das Leben. Betroffene verlieren zunehmend die Kontrolle und verschulden sich. Steigende Verluste versuchen sie, durch höhere Risiken und Einsätze zu kompensieren. Als Geldquelle dienen aufgenommene Kredite sowie Verwandte, Freunde und Bekannte, ohne diese über den wahren Verwendungszweck aufzuklären. Ohnehin vernachlässigen Spieler ihr Umfeld und belügen vor allem ihre Angehörigen, um die Spielsucht zu verschleiern.

Verzweiflungsphase

In der Verzweiflungsphase haben abhängige Spieler vollkommen die Kontrolle über ihr Handeln verloren und sind im Glücksspiel gefangen. Ihre Glücksspielsucht dominiert das Tagesgeschehen. Für ihr persönliches Umfeld sind sie nicht mehr erreichbar, sofern dieses überhaupt noch in der ursprünglichen Form existiert. Da das Geld knapp oder nicht mehr vorhanden ist, sind sie auch offen für illegale Geldbeschaffungsquellen. Das hängt auch damit zusammen, dass sich durch ihr Spielverhalten ihre Persönlichkeitsstruktur weitestgehend verändert. Gereiztheit, Hoffnungslosigkeit und Unruhe spiegeln die Veränderungen unter anderem wider. Es kommt vermehrt zu Selbstmordgedanken.

Allerdings muss die Spielerkarriere nicht zwingend nach diesem Schema verlaufen. Sie kann sich auch episodisch, kurvenförmig oder anfallsartig darstellen.

Symptome sind schwierig zuzuordnen

Obwohl es sich beim pathologischen Spielen um eine Verhaltenssucht handelt, sind die Auffälligkeiten deutlich weniger stark ausgeprägt als etwa bei einer Alkohol- oder Drogensucht (Fahne, geistige Abwesenheit, Euphorie). Außenstehende sind auf teils feine Veränderungen angewiesen, können jedoch auch zu Co-Abhängigen werden, indem sie die Spielsucht decken oder unterstützen. Veränderungen, auf die Sie achten sollten, sind zum Beispiel:

  • steigende Unzuverlässigkeit, nervöse Unruhe, gedankliche Abwesenheit oder Schlafstörungen
  • schnelle Gereiztheit und starke Stimmungsschwankungen
  • finanzielle Probleme bei einem regelmäßigen Einkommen, Verschuldung, vermehrtes Geldleihen
  • Verschleierung des Ausmaßes einer Spielsucht durch Ausreden und Lügen

Das Verhalten gibt Aufschluss über eine Sucht

Wie bei anderen Verhaltenssüchten auch ist die Einsicht, an einer Spielsucht zu leiden, der erste wesentliche Schritt zur Heilung. Ohne Einsicht hat eine Therapie kaum Aussicht auf Erfolg. Ist diese Einsicht jedoch vorhanden, kann gezielt therapiert werden. Zuvor erfolgt die Diagnose anhand des DSM (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen). Dabei müssen mindestens vier oder mehr der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Kontrollverlust: Gescheiterte Versuche, mit dem Glücksspiel aufzuhören, es wenigstens einzuschränken oder zu kontrollieren.
  • Fortgesetzter Missbrauch: Spielerinnen und Spieler nehmen für das Glücksspiel den Verlust von Beziehungen oder des Arbeitsplatzes in Kauf.
  • Toleranzentwicklung: Es muss mit immer höheren Einsätzen gespielt werden, um eine gewisse Erregung/Befriedigung zu spüren.
  • Verlustjagd: Verluste sollen so schnell wie möglich wieder egalisiert werden.
  • Entzugserscheinungen: Spielerinnen und Spieler verspüren Unruhe und sind schon beim Versuch gereizt, das Glücksspiel einzuschränken oder aufzugeben.
  • Glücksspiel als Trost: Vermehrte Glücksspielaktivität bei emotionaler und psychischer Belastung.
  • Verlass auf finanzielle Unterstützung: Spieler gehen davon aus, dass sie bei Geldproblemen Hilfe von Familie und Freunden bekommen.
  • Gedankliche Eingenommenheit: Spielsüchtige gehen vergangene Spiele gedanklich noch einmal durch, planen die nächsten Spiele und denken über die Geldbeschaffung nach.

Zu einer Spielsucht gesellen sich häufig noch weitere Begleiterkrankungen und Störungen (Komorbidität). Parallel zur Spielsucht leiden Betroffene, ähnlich wie bei einer Computerspielsucht, zum Beispiel an Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Minderwertigkeitskomplexen oder Bindungsängsten. Aber auch Angst- und Panikstörungen sowie Alkohol- und Drogensüchte sind keine Seltenheit.

Beratungsstellen, Apps, Selbsthilfegruppen, Therapien: Viele Hilfsangebote für Glücksspielsüchtige

Eine erfolgsversprechende Behandlung setzt sich im Idealfall aus mehreren Komponenten zusammen, um einen Rückfall zu verhindern. Seit 2001 erkennen Krankenkassen sowie die Rentenversicherung pathologisches Spielen als rehabilitationsbedürftige Krankheit an. Sie übernehmen anfallende Therapiekosten.

Neben einer psychologischen Aufarbeitung und Hilfestellung sollte auch der finanzielle Schaden Berücksichtigung finden. Etwa durch Erstellung eines Finanzplans zum Schuldenabbau oder durch Privatinsolvenz.

Auch das Aufsuchen von Beratungsstellen oder der Austausch mit anderen Spielern in Selbsthilfegruppen sind sehr ratsam. Zudem unterstützen Apps wie die PlayOff-App der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG) Betroffene sowohl bei der Aufgabe als auch bei der verstärkten Kontrolle von Glücksspiel.

Darüber hinaus bieten Seiten wie die Bundeszentralle für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Tests an, die Hinweise auf die Anfälligkeit zum Glücksspiel, eine Gefährdung oder Anzeichen einer Spielsucht liefern.

Weiterführende externe Links zu „Spielsucht“:

Bundeszentrale für gesellschaftliche Aufklärung – Selbsttest zur Glücksspielsucht

Verspiel nicht Dein Leben – Selbsttest zum Glücksspiel

Landesstelle Glücksspielsucht – Erfahrungsberichte von Spielsüchtigen

Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern – Probleme mit Glücksspielen?

Spielsucht-Therapie.de – Spielsucht – Therapie & Hilfe bei Glücksspielsucht

Anonyme Spieler (GA) Interessengemeinschaft e. V. – Seite der Anonymen Spieler (GA)